„Büroschlaf ist negativ belegt“

StadtLandFFluss.de hat eine Woche lang verschiedene Wecker-Apps getestet. Ob sie sinnvoll sind, erklärt Schlafmediziner Ingo Fietze. Außerdem: wie man erfolgreich aus den Federn kommt.

Prof. Dr. Ingo Fietze, geboren 1960, leitet das Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum in der Berliner Charité und ist Vorsitzender der Deutschen Stiftung Schlaf.
Prof. Dr. Ingo Fietze, geboren 1960, leitet das Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum in der Berliner Charité und ist Vorsitzender der Deutschen Stiftung Schlaf.

StadtLandFFluss.de: Es gibt die verrücktesten Wecker-Apps, die beim Aufwachen helfen sollen. Beispielsweise wird man bei der App „Wakie“ von fremden Anrufern geweckt oder muss beim „Mathe Wecker“ Aufgaben lösen, bevor es aufhört zu klingeln …

Ingo Fietze: Das ist ja fürchterlich! Auf der anderen Seite sage ich: erlaubt ist, was gefällt.

Also am frühen Morgen Matheaufgaben rechnen?

Ja, aber es macht wenig Sinn. Zwischen zehn und zwölf bin ich zwar geistig am fittesten, aber direkt nach dem Aufwachen? Letztlich ist es aber jedem selbst überlassen, ob ich mich durch eine App, einen Fernseher, Licht, den Partner oder durch das Haustier wecken lasse. Es gibt einfach keine Wissenschaft, die beweist, dass das eine nun gesünder ist, als das andere.

Was sollte man tun, wenn morgens der Wecker klingelt und man trotzdem noch müde ist?

Dann kann man den Wecker eine halbe oder viertel Stunde vorstellen. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar relativ gering, dass man morgens noch einmal Tiefschlaf hat, weil der in der ersten Nachthälfte oder in der Mitte der Nacht auftritt. Wenn man morgens aber trotzdem regelmäßig eine Tiefschlafphase hat, kann man das so machen.

Und wie steht man am besten auf?

Ältere Leute und viele junge Damen haben einen niedrigen Blutdruck. Sie sollten nicht zu schnell aufstehen. Das hat etwas mit dem Herzkreislaufsystem zu tun. Man sollte nicht gleich aufspringen, weil man dann Gefahr läuft, dass das Blut kurz versackt und man so einen kleinen Kollaps bekommt.

Gibt es eine Faustregel, die besagt, wie lange man schlafen sollte?

In diesem Jahr sind das erste Mal Normwerte für den Schlaf veröffentlicht worden. Danach soll ein Erwachsener siebeneinhalb bis achteinhalb Stunden schlafen. Im Schnitt. Es muss ja nicht jede Nacht sein. Das ist relativ viel Schlaf – gesunder Schlaf.

Und wenn das nicht klappt?

Wenn man eine Nacht schlecht schläft, ist man am nächsten Tag schlecht drauf. Geschicklichkeit, Genauigkeit, Konzentration, Reaktionsschnelligkeit und das Gedächtnis leiden. Wenn man dauerhaft schlecht schläft, kommt es manchmal zu depressiven Verstimmungen oder Depression. Nach fünf bis zehn Jahren schlechtem oder zu kurzem Schlaf steigt die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dauerhaft schlechte Schläfer haben eine kürzere Lebenserwartung.

„Die Gesellschaft macht was falsch: es wird versucht, am Schlaf zu sparen.“

Viele Menschen klagen tagsüber über Müdigkeit. Warum legen sich Mitarbeiter einer Firma nicht zum Mittag aufs Ohr?

Leider ist es noch unsexy. Das traut sich keiner. Der Begriff Büroschlaf ist so negativ belegt in Deutschland. Eigentlich ist das was super Gutes. Wenn ich zwanzig Minuten am Tag nicke, kann ich in der zweiten Arbeitshälfte noch mal richtig konzentriert arbeiten. Die dritte Tasse Kaffe hilft da eher nicht. Die Arbeitgeber haben das noch nicht verstanden.

Was machen die Leute falsch?

Nichts, wenn er sich am Wochenende Zeit nimmt, auszuschlafen. Aber heute haben viele eine Sechs-Tage-Woche. Auch dem Schichtarbeiter kann man nicht sagen, dass er etwas falsch macht. Die Gesellschaft macht was falsch: Es wird versucht, am Schlaf zu sparen.